Wie beeinflusst Übergewicht meine weibliche Fruchtbarkeit?

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Die Fruchtbarkeit ist seit jeher ein wiederkehrendes Thema in Religionen, Sagen und Götterwelten, da es das Bestehen einer Kultur, beziehungsweise eines Volkes bestimmt.

Weibliche Gottheiten wurden als Lebensspenderinnen, die Macht über den Boden und seine Bewohner und Bewohnerinnen hatten, verehrt. Die Abwesenheit von Fruchtbarkeit geht stets einher mit großem Leid und möglicherweise fehlendem Fortbestehen einer Familie. Entsprechend ist Persephone in der griechischen Mythologie die Göttin der Fruchtbarkeit, aber auch der Toten und der Unterwelt.

Ungewollt kinderlos bleibt in der Schweiz etwa jedes fünfte Paar. Die Ursache dafür ist zu je 40 Prozent auf eine Unfruchtbarkeit der Frau beziehungsweise Zeugungsunfähigkeit des Mannes zurückzuführen. In 20 Prozent der Fälle liegt gar bei beiden gleichzeitig eine Sterilität vor.

Was ist Unfruchtbarkeit?

Eine Unfruchtbarkeit oder Zeugungsunfähigkeit (Sterilität) liegt per Definition vor, wenn es bei einem Paar innerhalb eines Jahres trotz ungeschütztem Geschlechtsverkehr nicht zur Schwangerschaft kommt.

Die Tatsache, keine Kinder bekommen zu können, ist für Frau und Mann häufig sehr belastend: steril – also unfruchtbar oder nicht zeugungsfähig – zu sein, ist auch heutzutage noch für viele Menschen ein Makel, über den sie nicht gerne sprechen. Aber genau dies – ein offener Umgang mit dem Thema Unfruchtbarkeit – ist wichtig, um klären zu können, warum es mit der Zeugung nicht klappt. Und ob es möglich ist, dies zu beheben, beziehungsweise zu therapieren.

An dieser Stelle möchte ich erwähnen, dass eine Schwangerschaft in keiner Weise eine Selbstverständlichkeit ist. Die Chance für eine gesunde junge Frau, schwanger zu werden, liegt auch unter optimalen Bedingungen bei lediglich 25 Prozent pro Zyklus! Mit dem Älterwerden sinkt die Wahrscheinlichkeit kontinuierlich und liegt bei 35- bis 40-jährigen Frauen durchschnittlich bei 5 Prozent. Bei übergewichtigen Frauen kann es auch mit regelmäßiger Menstruation und gleich häufigem Geschlechtsverkehr sogar noch tiefer sein. In Zahlen heißt das, dass ab einem BMI von 40 kg/m2 die Chance auf eine Schwangerschaft deutlich abnimmt.

Generell ist bei Unfruchtbarkeit in 30-40 Prozent der Fälle eine hormonelle Störung für die Kinderlosigkeit verantwortlich – und dazu gehört auch das Übergewicht. Das Risiko der Unfruchtbarkeit ist bei übergewichtigen Frauen dreimal so hoch wie bei normal gewichtigen Frauen. Dabei muss man sagen, dass auch eine umgekehrte Beziehung von Fruchtbarkeit und BMI besteht. Das heißt, je höher der BMI, desto unwahrscheinlicher ist eine spontane Empfängnis.

Was hat das Übergewicht mit der Fruchtbarkeit zu tun?

Fett ist ein aktiver Hormonproduzent und spielt daher bei vielen Abläufen im Körper eine wichtige Rolle, so auch bei der Fruchtbarkeit. Zu viel Fettgewebe kann den weiblichen Hormonhaushalt aus dem Gleichgewicht bringen.

Dabei kann es sein, dass zu wenige oder gar keine Eizellen mehr produziert werden, dass kein Eisprung stattfindet (An-Ovulation) oder dass der Aufbau der Gebärmutterschleimhaut für die Einnistung der Eizelle ausbleibt. Bemerkbar macht sich dies durch verlängerte oder verkürzte Menstruationszyklen oder gar durch ein völliges Ausbleiben der Monatsblutung. Zyklusabhängige Unregelmäßigkeiten können zudem das Risiko für Ovarial-, Brust- und Endometriumkarzinom erhöhen. Das erklärt, warum gynäkologische Krebserkrankungen bei übergewichtigen Frauen vermehrt vorkommen können.

Was hat das Übergewicht mit dem polyzystischen Ovarialsyndrom zu tun?

Das polyzystische Ovarialsyndrom (PCOS) tritt bei ungefähr jeder zehnten Frau auf. Dieser häufig vorkommende Zustand führt ebenfalls zu einem Ungleichgewicht der Hormone und ist für fast ein Drittel aller Fälle von Unfruchtbarkeit verantwortlich.

Die Bezeichnung ist allerdings irreführend, denn das Syndrom hat nichts mit Eierstockzysten zu tun. Beim PCOS sind die sogenannten «Zysten» in Wirklichkeit Follikel (=heranreifende Eizellen im Eierstock) mit einem abnormen Wachstum, die zu einem Hormonungleichgewicht und zu Fruchtbarkeitsproblemen führen können. Dies aber ist nicht unbedingt zwingend für die Diagnose. Tatsächlich kann bereits das Vorhandensein von zwei der folgenden Symptome auf ein PCOS hinweisen:

  • vergrößerte Eierstöcke mit mehreren wachsenden Follikeln
  • übermäßige Androgen-Produktion (=Testosteron-Produktion)
  • unregelmäßige Monatszyklen oder das Ausbleiben der Regelblutung

Ihr erratet es wahrscheinlich bereits: Es gibt zurzeit keinen eindeutigen Test, der mit Sicherheit sagen kann, ob eine Patientin das PCOS hat oder nicht. Die Ärzte und Ärztinnen können lediglich verschiedene Tests durchführen, um die Wahrscheinlichkeit eines PCOS zu beurteilen.

Gleiches gilt für die Ursache: Es ist nicht ganz klar, warum es zum PCOS kommen kann, ABER es deutet darauf hin, dass hauptsächlich zwei Risikofaktoren bestehen: Genetik und Gewicht. Bei Zweitem geht ein erhöhter BMI mit erhöhtem Risiko für PCOS einher. Die Überproduktion von bestimmten Hormonen aus dem Fettgewebe (z.B. Testosteron) führt zu Funktionsstörungen der Eierstöcke und kann einen regelmäßigen Eisprung verhindern – was dann zu einem unregelmäßigen Monatszyklus führt.

Wie behandelt man PCOS?

Bisher gibt es leider kein Heilmittel für PCOS. Eine Kontrolle dieser Krankheit ist jedoch wichtig für die Erhaltung der Fortpflanzungsgesundheit. Im Zentrum der unterstützenden Therapie steht sicherlich die Veränderung des Lebensstils mit dem Ziel, das Gewicht zu reduzieren und die körperliche Bewegung zu steigern.

Ersteres – das wissen wir alle – ist nicht so einfach, wie es scheint. Die Erfolgsraten, über längere Zeit die Gewichtsreduktion zu halten, sind mit konservativen Therapien (Diäten) eher ernüchternd. Eine stabile, längerfristige Gewichtsreduktion erreicht man ab einem BMI von 35 kg/m2 erwiesenermaßen am erfolgreichsten durch eine bariatrische Chirurgie (Magenbypass– oder Schlauchmagen-Operation).

Vor einer solchen Operation beschreiben 15-44 Prozent der Frauen unregelmäßige Menstruationszyklen. Wichtig zu wissen ist, dass sich diese Unregelmäßigkeiten bereits 1-5 Monate nach der Operation normalisieren können – und die Fruchtbarkeit somit schnell zunehmen kann. Aus diesem Grund empfehlen wir eine sichere Verhütungsmethode im ersten Jahr postoperativ.

In einer Studie wurde gezeigt, dass Frauen, welche vor der Operation einen anovulatorischen Zyklus (keinen Eisprung trotz Menstruation) hatten, in 70-80 Prozent postoperativ zu einem normalen Zyklus zurückkehrten. Jene, welche zum normalen Zyklus zurückkehrten, verloren deutlich mehr Gewicht als jene, die anovulatorisch blieben.

Zusammenfassung

Zusammenfassend ist zu sagen, dass Übergewicht die Fruchtbarkeit von jungen Frauen beeinflussen kann und ein Risikofaktor für ein PCOS ist. Somit sollten junge, übergewichtige Frauen mit unregelmäßigen Menstruationszyklen darin unterstützt und bekräftigt werden, ihr Gewicht auf eine gesunde und erfolgreiche Art zu reduzieren.

Auf der anderen Seite sollte eine frauenärztliche Standortbestimmung vor jeder bariatrischen Operation Teil der Abklärungen sein.

Von Dr. med. Jeannette Widmer, Oberärztin Bariatrische Chirurgie des Adipositas Zentrum (AZZ) am Universitätsspital Zürich

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