Wer hätte es je gedacht, dass ein Virus unser Leben so auf den Kopf stellt. Nun kursiert das neue Corona-Virus SAR-Cov-2 schon über ein Jahr und bestimmt unseren Alltag.
Ein Beitrag von Prof. Dr. med. Bernd Schultes, Stoffwechselzentrum St. Gallen

Während viele hoffen, dass sich unser Leben bald wieder normalisiert und die Massnahmen zur Eindämmung der Pandemie gelockert werden, sehen andere, insbesondere Wissenschaftler, die 3. Welle bereits heranrollen. Und ja, leider ist es so, dass die Wissenschaft wohl auch dieses Mal wieder recht behalten wird. Es ergibt keinen Sinn, Schuldige zu suchen, schon gar nicht in den Überbringern der schlechten Kunde. Es ist wie es ist.

Es gibt aber auch gute Nachrichten

Es besteht Grund zur Hoffnung, dass die dritte Welle weniger Opfer fordern und sich schneller als die 2. Welle unter Kontrolle bringen lassen wird. In Rekordzeit wurden gleich mehrere, hoch effektive Impfstoffe entwickelt, deren Einsatz bereits jetzt in einigen Ländern grosse Wirkung zeigt. Dies ist eine medizinisch-wissenschaftliche Sensation, deren Bedeutung viele noch gar nicht abschätzen können. So sieht man in Ländern wie Israel oder England, die mit ihren Impfkampagnen bereits recht weit fortgeschritten sind, dass die Sterblichkeit durch COVID-19 deutlich zurückgeht. Auch wenn die Impfung keinen 100-prozentigen Schutz vor einer Infektion bietet, so scheint sie jedoch den Krankheitsverlauf nach einer Infektion massiv abzumildern.

Jeder hat sicher schon von den neuen Virusvarianten gehört. Egal woher sie kommen, aus England, Südafrika oder Brasilien, es ist klar, dass sich das Virus durch Mutationen weiterentwickelt und die aktuellen Impfstoffe möglicherweise gegen neue Varianten nicht mehr so wirksam sein werden. Es besteht also ein Wettlauf mit der Zeit, der mit Sicherheit vielerorts – denken wir mal an die ärmeren Länder – verloren wird. Doch auch hier gibt es Hoffnung. Dank der modernen Technologien der Impfstoffentwicklung ist eine schnelle Weiterentwicklung mit gezielter Anpassung der Impfstoffe möglich. Es ist damit zu rechnen, dass nach einer Erstimpfung weitere Impfungen im Verlauf durchgeführt werden müssen. Die Impfungen sind eben auch kein Wundermittel, die den Spuk mal so eben einfach schnell beenden.

Immer wieder höre ich Sorgen bezüglich der Sicherheit der Impfstoffe. Sie seien so schnell entwickelt worden und zu wenig getestet. Als Arzt kann ich dazu nur sagen, dass wir in der Medizin täglich Mittel einsetzen, die deutlich weniger gut getestet sind. Kaum ein Medikament durchläuft Zulassungsstudien mit mehr als 30’000 Teilnehmern, bevor es auf den Markt kommt. Dies war bei den zugelassenen Impfstoffen aber der Fall. Auch nach ihrer Zulassung werden die Impfstoffe bezüglich möglicher Nebenwirkungen intensiv beobachtet. So haben die meisten Länder gut etablierte Pharmakovigilanz-Programme, bei denen neue, bislang unbekannte sowie schwerwiegende Ereignisse nach der Anwendung eines Präparates gemeldet werden müssen. Dass diese Programme gerade im Hinblick auf die COVID-Impfstoffe funktionieren, zeigt die Tatsache, dass einige europäische Länder gerade das Verimpfen des Impfstoffs von AstraZeneca pausiert haben. Hintergrund hierbei ist, dass nach der Verabreichung dieses Impfstoffes gehäuft Blutgerinnsel (Thrombosen) beobachtet wurden, welche die Blutgefässe, z.B. im Gehirn, verstopfen. Das klingt nicht nur dramatisch, sondern das ist es auch. Man muss sich aber auch die Zahlen dazu ansehen. So wurden bis zum 10.3.2021 nach 5 Millionen Impfungen 30 solcher Ereignisse beobachtet. Bedenkt man, dass Thrombosen keine seltenen Ereignisse sind, wird klar, dass die Ereignisse nicht unbedingt durch die Impfung verursacht sein müssen. Genau das gilt es jetzt zu prüfen. Das Frühwarnsystem funktioniert also.

Bemerkenswert ist auch, dass die zugelassenen Impfstoffe innerhalb von wenigen Monaten bei Millionen von Menschen angewendet wurden. So eine Menge an Erfahrung und systematischer Datenerfassung bezüglich Arznei- oder Impfstoffe gab es in so einer kurzen Zeit in der Medizingeschichte bislang noch nie. Dies ermöglicht auch seltene Nebenwirkungen, welche beispielsweise nur in 1 zu 100’000 Fällen auftreten, zu erkennen, z.B. schwere allergische Reaktionen, wie sie nach der Einnahme von so ziemlich jeden Medikamentes auftreten können. Bereits im Februar 2021 zeigte eine systematische Erhebung anhand von 1.8 Millionen Impfungen in den USA, dass solche Reaktionen in einer Häufigkeit von 11 zu 1 Million auftreten. Jeder, der den Beipackzettel sonstiger Medikamente studiert, weiss, dass dies nicht übermässig häufig ist.

Es wäre gelogen, zu behaupten, dass die Impfungen immer gut vertragen werden und keine unerwünschten Nebenwirkungen hervorrufen. Nein, dem ist nicht so. Schmerzen in Bereich der Einstichstelle, Müdigkeit, Kopfschmerzen, Fieber bis hin zu Schüttelfrost sind nicht selten. Die gute Nachricht ist aber, es geht nach ein paar Tagen vorbei. Ich persönlich habe keine Sekunde gezögert, als ich die Chance kam, mich frühzeitig impfen zu lassen und habe diese möglichen Nebenwirkungen (welche erfreulicherweise nicht aufgetreten sind) gerne für einen relativ sicheren Impfschutz in Kauf genommen. Dies, um nicht nur mich, sondern insbesondere auch meine Patienten zu schützen.

Was hat das alles mit Adipositas zu tun?

Nun, Menschen mit Adipositas gelten als Risikogruppe für einen schweren Krankheitsverlauf bei COVID-19. Nach den Richtlinien des Schweizer Bundesamt für Gesundheit (BAG) sollen Personen mit einem BMI von >35 kg/m2 daher bevorzug geimpft werden. Den Begriff «Risikogruppe» gilt es dabei einzuordnen. So wurde zum Beispiel in einer von vielen ähnlichen Studien gefunden, dass Patienten, die aufgrund von COVID-19 auf einer Intensivstation lagen, rund 4-mal häufiger verstarben, wenn sie einen BMI von >35 kg/m2 aufwiesen im Vergleich zu Patienten mit einem niedrigen BMI. Da die Sterblichkeit bei COVID-19 insgesamt gar nicht so hoch ist, werden auch die meisten Menschen mit Adipositas die Erkrankung relativ gut überstehen. Nehmen wir eine Sterblichkeit von 1:100 in der Allgemeinbevölkerungen an, so würden immer noch 96 Menschen mit Adipositas Grad 2 oder höher die Krankheit überleben. Es ist somit also nicht verwunderlich, wenn ich täglich in meiner Sprechstunde Patienten mit ausgeprägter Adipositas sehe, welche die Erkrankung gut überstanden haben. Dies widerspricht nicht der Tatsache, dass Menschen mit Adipositas ein erhöhtes Risiko haben und daher besonders gegen schwere COVID- 19 Verläufe geschützt werden sollten. Das Problem ist, dass wir kaum voraussagen können, wen es bei einer Infektion schwer erwischt.

Wir wissen alle, die Impfstoffe sind aktuell noch sehr knapp. Täglich hören wir in den Nachrichten von Verteilungskämpfen, organisatorischem Versagen und vielem mehr. Viele Kritikpunkte sind sicher berechtigt und vielleicht auch Grund, sich aufzuregen. Aber mal Hand aufs Herz, wer hätte vor 6 Monaten geglaubt, dass es überhaupt schon so schnell Impfstoffe gegen COVID-19 geben wird? Aus dieser Perspektive betrachtet sollten wir wohl alle ein Stück weit dankbar und geduldiger zu sein. Und überhaupt, gibt es aktuell viele Menschen, die in dieser schweren Zeit Verantwortung übernehmen und sich – nicht nur um sich selbst – viele Gedanken machen: Ärzte – wie sie ihre Patienten am besten schützen können, Arbeitergeber – wie sie den Arbeitsplatz ihrer Angestellten erhalten und deren nächsten Löhne zahlen, Politiker – welche Massnahmen zu ergreifen sind, um möglichst vielen Interessen gerecht zu werden, und, und, und. Natürlich läuft nicht alles optimal, aber wer Verantwortung übernimmt und handelt, läuft auch immer auch Gefahr, Fehler zu begehen. Irren ist menschlich. Mein Appell an alle daher: Das Engagement und den guten Willen anerkennen! Das heisst nicht, keine Kritik zu üben. Kritik sollte jedoch immer konstruktiv und respektvoll vorgetragen werden.

Mein Appell an Menschen mit Adipositas

Übernehmen Sie Verantwortung für sich. Nutzen Sie das Privileg einer frühzeitigen Impfung. Dadurch schützen Sie sich und leisten zudem noch einen wichtigen Beitrag zur Überwindung der Pandemie.

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