HILFE! Meine Haare fallen mir aus!

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Haarausfall nach Magenbypass-Operation und warum Du Dir oft keine Sorgen machen musst.

«Es ist zum Haareraufen!! Jetzt habe ich die Operation ohne Komplikationen überstanden, meine Kilos purzeln, die alten Klamotten passen wieder und ich fühle mich von Tag zu Tag besser – und dann das: Haarausfall – und zwar büschelweise!» Solche oder ähnliche Berichte höre ich immer wieder in meiner Sprechstunde. Und diese Berichte sind von grosser Sorge geprägt. Sorge, die Haare könnten nicht mehr nachwachsen oder noch schlimmer, die Haare könnten bis zur Glatze komplett ausfallen.

Volles Haar signalisiert Gesundheit, Fruchtbarkeit und Jugendlichkeit. Der Verlust der Kopfbehaarung kann traumatisch sein und je nach Ausmass ein grosses Problem für die Betroffenen darstellen. Deshalb ist es mir wichtig, Dich über das Thema Haarausfall nach bariatrischer Operation zu informieren und einige Fragen zu beantworten, die mir in meiner Sprechstunde immer wieder begegnen.

Muss ich mir Sorgen machen?

Nein, musst Du nicht. Da möchte und kann ich Dich beruhigen. Haarausfall nach bariatrischen Operationen ist häufig, ungefährlich und Du bist nicht der oder die Einzige, die nach einem bariatrischen Eingriff davon betroffen ist. Eine Glatze wird sich nicht  entwickeln, der Vorgang ist nur vorübergehend und dauert in der Regel selten länger als sechs Monate an.

Haarausfall – Was ist das überhaupt?

Wenn man von Haarausfall spricht, ist in der Regel von übermässigem Haarausfall die Rede, der zu schütterem Haar oder kahlen Stellen führen kann.  Bis zu einem gewissen Grad ist Haarausfall nämlich ganz normal, denn auch bei Menschen mit vollem Haar fallen pro Tag etwa 100–200 Haare aus. Erst wenn diese Menge für längere Zeit übertroffen wird, oder wenn sich das Haar an manchen Stellen oder am ganzen Kopf lichtet, handelt es sich um echten Haarausfall.

Im Fachjargon sprechen wir Arzte von Alopezie oder vom sogenannten «Effiuvium». Dabei handelt es sich um einen diffusen Haarausfall, der plötzlich auftritt. Über das ganze Kopfhaar verteilt fallen mehr Haare als sonst aus. Sie lassen sich leicht ausreissen und bleiben beim Bürsten, Duschen oder auf dem Kopfkissen zurück.

Wie wächst mein Haar normalerweise?

Um das Phänomen «Haarausfall» zu verstehen, ist es wichtig, die normalen Vorgänge beim Haarwachstum zu beleuchten.

Das Leben eines Haares gliedert sich in drei Phasen:

  1. Anagene Phase: Diese Phase des Haarlebens dauert im Normalfall zwei bis sieben Jahre. In dieser Zeit wächst das Haar etwa einem Drittel Millimeter pro Tag. 85 bis 90 Prozent aller Haare befinden sich in dieser Phase.
  2. Katagene Phase: Dies ist eine kurze Übergangsphase, in der das Haar das Wachstum einstellt und sich auf das Ausfallen vorbereitet. Die Katagenphase dauert etwa drei Wochen. Etwa ein Prozent aller Haare befindet sich in der katagenen Phase.
  3. Telogene Phase: In dieser Phase fallt das alte Haar aus und der Haarfollikel erneuert sich, um ein neues Haar bilden zu können. Die Telogenphase dauert etwa drei Monate. Etwa neun bis vierzehn Prozent aller Haare befinden sich in der telogenen Phase.

Warum fallen mir die Haare nach der Operation aus?

Sowohl der bariatrische Eingriff an sich als auch die Phase des Abnehmens nach dem Eingriff stellen eine aussergewöhnliche Stressbelastung für Deinen Organismus dar.

Heute weiss man, das Effluvium mit Stress und hormonellen Veränderungen zu tun haben kann. In Zeiten grossen Stresses können die Haare frühzeitig in die telogene Phase übertreten – die Phase also, in der alte Haare ausfallen und neue Haare gebildet werden. Und dies sind dann genau die Haare, die Dir nach einem bariatrischen Eingriff ausfallen.

Stress führt zu einem plötzlichen Loslassen der noch festgehaltenen, aber längst nicht mehr wachsenden – also eigentlich toten – Haare in der telogenen Phase. Ist der Stress vorüber und stabilisiert sich das Gewicht nach etwa neun bis zwölf Monaten, ist es auch mit dem Haarausfall vorbei.

Soll ich zusätzliche Vitaminpräparate einnehmen, um den Haarverlust zu stoppen?

Viele Ärzte interpretieren den Haarverlust als Mangelsymptom und klares Anzeichen dafür, dass Deine Vitaminpräparate entweder nicht ausreichend hoch dosiert sind oder dass Du diese womöglich nicht ordnungsgemäss eingenommen hast. Dabei ist bislang vollkommen unklar und nicht sicher belegt, ob spezifische Mängel wie beispielsweise Zink- oder Biotinmangel nach der Operation überhaupt eine Rolle für den Haarausfall spielen.

Trotzdem werden dann häufig zusätzliche «Mittelchen » verschrieben – sehr zur Freude der Vitamin- und Spurenelementhersteller. Denn obwohl es mit oder ohne zusätzliche Präparate nach etwa sechs Monaten zu einem Ende des Haarausfalls kommt, wird dieses dann häufig (und fälschlicherweise) als «Erfolg» dieser Präparate gewertet.

Gibt es sonst irgendetwas, das ich gegen den Haarausfall tun kann?

Nein. Meine Empfehlung lautet daher: Bleibe ruhig und mache Dir keine Sorgen! Lasse Deine alten Haare ziehen und freue Dich ich auf die nächstes Jahr wieder neu wachsenden Haare.

Es handelt sich bei dem Haarausfall um eine natürliche Reaktion Deines Körpers auf die Operation selbst und auf die veränderte Stoffwechsellage, inklusive schnellen Gewichtsverlusts nach der Operation.

Was soll ich machen, wenn der Haarverlust doch länger andauert?

Sollte es wider Erwarten nach sechs Monaten nicht zu einem Stopp des Haarausfalls kommen, liegen in Deinem Fall möglicherweise doch noch weitere Ursachen vor, die von einem Endokrinologen weiter abgeklärt werden sollten. Dazu können unter anderem folgende Ursachen zählen:

  • Psychische Belastungen wie Stress, Depressionen, Trauer, Sorgen, etc.
  • Wechseljahre, Antibabypille, Schwangerschaft, Hormonstörungen
  • Schilddrüsenprobleme
  • Medikamente (blutgerinnungshemmende Medikamente, Chemotherapeutika, Beta-Blocker, Schilddrüsenmedikamente, Cholesterin-senkende Medikamente)
  • Belastungen mit Schwermetallen oder Toxinen aus Farben, Lacken, Klebstoffen, Lösungsmitteln, lnsektenvernichtungsmitteln u. a.
  • Chemikalien in herkömmlichen Haarpflege- und Styling Produkten
  • Infektions- und Stoffwechselkrankheiten
  • Bestrahlungen

Prof. Dr. med. Marco Bueter für Adipositas Zürich

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